Zwei Autorinnen, eine Geschichte – Anna Thur und Ina Steg wagen ein Experiment

Es heißt, die Schreiberei sei ein einsamer Beruf. Aber das stimmt von vornherein so nicht, denn viele Menschen können an einem Endprodukt – sei es einer Geschichte, einem Roman, einem Skript – teilhaben. Menschen, die das unfertige Produkt lesen und Tipps geben, zum Beispiel, oder Menschen, die besser über ein bestimmtes Thema Bescheid wissen und ihr Wissen mit dem Autor teilen. Dann kommen später Lektoren und Beta-Leser dazu. Niemand schreibt ein veröffentlichtes Werk ganz allein.

Und manchmal – und das ist viel seltener als die Hilfe von Familie, Freunden und Experten – manchmal tun sich zwei Autoren zusammen und verfassen etwas Gemeinsames. Das ist sicherlich eine Arbeitsweise, die sich nur wenige Autoren für sich vorstellen können. Wie soll das auch gehen? Was, wenn man grad so im Schwung ist, soll man dann plötzlich aufhören, weil der Mitautor auch seinen Raum braucht? Und was, wenn der andere Autor eine Superidee einfach über den Haufen wirft, weil er meint, selbst eine Superidee zu haben?

Die Autorinnen Ina Steg und Anna Thur sind diesen und anderen Fragen auf den Grund gegangen. Sie haben gemeinsam eine Geschichte verfasst, die ihr hier lesen könnt. Und sie haben sich über diese Geschichte noch weiter Gedanken gemacht, wie anders das gemeinsame Schreiben zum ‘einsamen’ Schreiben war:

Schreibprojekt_Ina und Anna

„Willst Du mit mir schreiben?“ Ein gemeinsames Schreibprojekt – zwei Autorinnen erzählen
Von Ina Steg und Anna Thur

Anna Thur habe ich über Twitter kennengelernt. Ich las einige Geschichten von ihr und durfte später auch ein paar Entwürfe redigieren. Anna experimentiert mit dem Klang ihrer Worte und spornte mich dadurch an, meine Art zu Schreiben immer wieder zu überdenken. Etwas von ihrem Erzählton schwang zudem oft in mir nach. Ich wurde neugierig, was passieren könnte, wenn wir gemeinsam eine Geschichte schreiben würden, also fragte ich sie vor über einem Jahr: „Willst Du mit mir schreiben?“ – und sie sagte „ja“.

Ina: Was als Idee einfach klingt, wurde direkt beim Start kniffelig, es kamen unzählige Fragen auf, wie zum Beispiel: Wie organisieren wir das? Wieviel legen wir vorher fest? Wer kann anfangen und wer darf später über den Schluss entscheiden? Hinzu kam, dass wir uns nur über Twitter und ein paar Mails kannten. Unser Umgang miteinander war freundlich, aber meist recht vorsichtig und herantastend. Wir verbrachten dann erst mal viel Zeit damit, in Mails ausführlich zu beschreiben, wie unsere Vorstellungen zu dem Projekt sind. Ich vermute, wir wollten nicht, dass Missverständnisse entstehen.

Anna: Eins der Dinge, die ich am Anfang als sehr präsent wahrgenommen habe, war unser vorsichtiges Herantasten, wer den Anfang schreiben soll, wer wann welchen Schritt geht. Texte sind sehr sensibel. Schreiben ist emotional, persönlich, du bist ziemlich in die Figuren vertieft. Da kann es wehtun, wenn jemand forsch in eine Richtung drängt. Das wollten wir um jeden Preis vermeiden. Deshalb haben wir eine ganze Weile herumgeeiert. Und dann wurde es konkreter.

Ina: Das trifft es. Worte sind etwas unheimliches klares und direktes. Wenn sie den anderen einmal erreicht haben, wird bei demjenigen etwas ausgelöst. Viele unserer Nachrichten in Bezug auf das Projekt begannen deshalb mit: „Ich hab einfach mal … (ein Word-Dokument angelegt, in dem wir alle wichtigen Informationen zur Geschichte festhalten können)“ und endeten mit „… war das okay?“ Wir wechselten uns mit den mutigen Schritten ab: immer wenn ich zögerte und das Projekt drohte ins Stocken zu geraten, erhielt ich eine neue Nachricht von Anna.

Anna: Was mir in dem ganzen Prozess total geholfen hat, war Inas Sensibilität. Ihre eigene Vorsicht hat mich zwar gleichzeitig irritiert, ich hatte ja am Anfang kein Bild von ihr vor Augen und zunächst nicht einmal einen Namen. Da fragst du dich schon: Wer ist diese Fremde, wie weit kannst du gehen? Aber gleichzeitig ist sie ein Mensch, der viel wahrnimmt und dann auch auf eine sehr schöne Art und Weise auf jemanden zugeht. Es war gut, an einer gewissen Stelle zum Beispiel einfach ein Bild von ihr zu sehen und ich hab gemerkt, dass es von ihr ein großer Vertrauensbeweis war, weil sie noch nicht mit Bild im Internet präsent war.

Ina: Vielen Dank für diese schönen Worte. Anna hat später mal gesagt, dass sie ein gutes Bauchgefühl hatte und das beschreibt es sehr genau. Ich wollte mehr auf sie zugehen, wusste aber nicht so recht wie und hätte sie fast mit meiner Zögerlichkeit abgeschreckt. Da war es sehr mutig, dass du trotzdem so ehrlich warst, Anna. Ich habe durch diese Situation auch gemerkt, dass man für so ein gemeinsames Projekt nicht einfach ein paar Regeln aufstellen kann und sich an diesem Gerüst entlang schreibt. Mir wurde bewusst, dass Schreiben mehr ist, als das Produzieren eines Textes. Es passiert immer noch ganz viel „hinter den Kulissen“. Auch mit uns passierte etwas, was eng mit dem Schreiben verknüpft war. Ich glaube, ich hatte zwischendurch etwas Angst vor dieser Intensität, ich kannte das auf diese Art noch nicht. Man ist sich fremd und kommt sich plötzlich durch das Schreiben nah und lernt sich kennen.

Anna: Damit hat Ina tatsächlich recht, dass sie mich zu einem gewissen Zeitpunkt fast abgeschreckt hätte, weil sie so zögerlich war. Es war auf jeden Fall trotzdem wichtig, die Arbeit vorsichtig anzugehen, lieber ein Wort mehr zu verlieren, lange Mails zu schreiben und sich zu erklären. Dann kann man eher einen Weg finden. Gleichzeitig darf man es auf keinen Fall persönlich nehmen, wenn mal eine Mail kurz ist, abgehackt, oder es länger dauert, wenn man antwortet. Viele Menschen würden von so etwas verletzt oder irritiert sein. Zum Glück ist es uns nicht so gegangen. Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir auch klar, wie wertvoll das ist, vielleicht einzigartig.

Ina: Das stimmt. Wenn man intensiv mit anderen zusammenarbeitet, führt es vielleicht eher dazu, dass man es zügig hinter sich bringen will. Aber bei mir hat sich auch während des Projekts das Gefühl gefestigt, es nicht aufgeben zu wollen, weiterzumachen, auch wenn es zum Beispiel mal Missverständnisse gab. Während des Schreibens ist eine besondere Verbindung entstanden. Das konnte ich in den vergangenen Monaten, während des Projekts, nur fühlen, aber noch nicht in Worte fassen.
Nach ein paar Wochen entschieden wir uns dann doch für ein Telefonat. Das war gut, denn im direkten Austausch kamen wir mit den Überlegungen schnell vorwärts. Wir diskutierten dann auch darüber, ob unsere unterschiedliche sexuelle Orientierung uns beim Entwickeln der Hauptfigur im Weg stehen könnte.

Anna: „Wie ist das eigentlich, stört es dich, wenn du eine eindeutig heterosexuelle Szene liest? Wart mal, ich hab mich das eigentlich noch nie gefragt.“ Es sind ja überall ständig heterosexuelle Geschichten üblich. Wie gehen wir denn jetzt damit um?

Ina: Wie stark sollte unsere Geschichte überhaupt in eine bestimmte sexuelle Richtung laufen? Oder würde das unweigerlich passieren? Wir wollten diesem Aspekt von vorneherein keine zu starke Gewichtung zu geben, sondern abwarten, wie sich die Geschichte entwickelt.
Obwohl wir vorher so ausführlich darüber gesprochen hatten, tauchten bei mir schon nach den ersten Abschnitten die Fragen auf: Wie reagiert Renate auf den Fremden? Was ist, wenn er beginnt mit ihr zu flirten? Sollte ich dann sofort eine attraktive Frau als Gegenpart auf den Plan rufen? Diesen Gedankenstrudel fand ich amüsant und lehrreich zugleich, denn dadurch wurde mir bewusst, wie wichtig und intensiv die Begegnungen zwischen Menschen sein können und dass sie völlig zu Recht in den meisten Geschichten der Kern des Ganzen sind.
Wie war das bei dir, Anna, musstest du beim Schreiben auch oft an unsere Diskussion denken?

Anna: Es ist total abgefahren, denn ich hatte beim Schreiben diese Fragen dann gar nicht mehr. Wir hatten das ja ausdiskutiert und uns Freiheit gegeben. Deshalb hatte ich total vertrauen darin, dass das schon wird und es okay ist, was wir machen und schreiben. Zumal sich ja unser Austausch so entwickelt hat, dass wir wirklich offen miteinander reden können. Ich war mir sicher, dass Ina mir sagen würde, wenn was nicht okay ist und hatte das Gefühl, ich darf einfach … Und dabei habe ich einen immensen Spaß daran entwickelt, sie heraus zu kitzeln, ihr die Freiheit zu geben, zu tun, was sie mag.

Ina: Nachdem ich den Anfang der Geschichte geschrieben hatte, war ich direkt in Versuchung, Anna einen Erklärungstext mitzuschicken und ihr zu sagen, was ich mir für Renate vorstellen könnte. Es fiel mir doch schwerer als gedacht, nicht zu wissen, wie es weitergeht. Ich merkte dann aber, als ich den nächsten Abschnitt geschickt bekam, dass Anna sich auch in besonderer Weise in die Figur hineinfühlte, der Geschichte zwar ebenfalls eine eigene Richtung geben wollte, aber immer wieder einzelne meiner Ideen aufnahm. Ich habe mich dann sehr intensiv auf die Hauptfigur eingelassen, vielleicht noch mehr, als sonst beim Schreiben. Ich wollte nachspüren können, warum Anna bestimmte Entscheidungen für sie traf oder warum sie Aspekte in der Figur sieht, die mir noch nicht aufgefallen waren.

Anna: Aber kann man dem nachspüren, kann man das entdecken? Oder bleibt es nicht einfach ein wunderbares Abenteuer, das eigenen Gesetzen folgt? Ich würde das fast vermuten. Aber um es zu beweisen, müssen wir die nächste Geschichte angehen und herausfinden, was passiert …

Ina: Wer fängt an?

Wenn ihr die Geschichte oder noch mehr über unsere Erfahrungen mit dem Projekt lesen wollt, schaut doch auf dem Blog von Anna oder mir vorbei: http://www.annathur.de/werkstatt-willst-du-mit-mir-resuemee-zum-schreibprojekt/
oder http://ina-steg.de/willst-du-mit-mir-resuemee-zum-schreibprojekt/. Wir freuen uns übrigens auch über Feedback.

 

Dies und noch mehr könnt ihr auf den Blogs der beiden Autorinnen lesen:

http://www.annathur.de/

Anna Thur ist Journalistin und Autorin. Sie lebt in Potsdam. Bevor sie fiktive Geschichten veröffentlichte, schrieb sie für Printmedien und Bildungsprojekte. Ihre Kurzromane und Erlebnisberichte veröffentlichte bspw. der Martin Kelter Verlag.
Zuletzt erschienen die Sammelbände „AugenBlicke“ und „Liebe“: Das sind jeweils neun Kurzromane, in denen Frauen und Männer von schicksalhaften Momenten erzählen. Die E-Books sind bei Amazon erhältlich und dort regelmäßig in ihren Kategorien in der Top 100 zu finden.

http://ina-steg.de/

Ina Steg wächst seit Beginn der Achtziger in Nordrhein-Westfalen auf. Geschrieben hat sie als junger Mensch vor allem Weihnachts- und Glückwunschgedichte, die sie sich dann nie vorzutragen traute.
Geschichten schreibt sie, um von besonderen und inspirierenden Menschen zu erzählen. Ihre Texte verfasst sie am liebsten per Hand – dabei sitzt sie im Park unter alten Bäumen und isst Streuselkuchen.
In ihrer Freizeit besucht Ina Steg oft das Theater oder erkundet mit ihrer Partnerin verfallene Ruinen. Das Geld dafür verdient sie bei einem Job unter Tage: In alten Dokumenten gräbt sie nach Wissen.
Im letzten Jahr erschien ihr Debütroman „Alles nur Kulisse“ im Ylva Verlag.

Serious Writer Dude in 2016

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Hello, folks.

Well, I’m a little preoccupied this year and I keep stalling on things. One of those things is this here blog. I’m sorry for posting so little, but life seems to get in the way a lot.

But I’ve been thinking about things I want for my blog and I guess (I’m hoping) to change a little. The main thing will be that I want to include guest blog posts. In English and German, as this is a bilingual blog. I don’t want to include just any guest blog posts, but blog posts that have to do with writing.

So, if you’re a writer and you’re looking for a platform to say something about writing (your writing, writing in general, also if you’ve written something and want to promote your published work), here’s your chance. Just send me an email (addy up on the top right) and tell me your idea and I’m going to come back to you.

I’ve actually already have a guest post lined up, in German. Two wonderful German authors, Ina Steg and Anna Thur, have written a story together and in the blog post that will appear on here within the next week, they talk about the adventure of collaborating on a creative text. It’s an interesting topic, and an endeaver I only engaged in with one friend so far (those texts were never finished and probably unreadable).

So, that’s something I’m gonna include in 2016, hoping it’ll be of interest to you guys and any writer who wants to share this space with me. Other than that I’m pretty happy with my blog (despite being a little lazy just now), but I’d like to include stuffs in the years to come. I’m hopeful for this place to grow and improve – even if it does so slowly.

Leave word what you think of it. Comments are always appreciated.